My Brain On Paper: P Wie Privatsphäre

Ich bin ja ein sehr offener Mensch. Sehr, sehr offen sogar. Um es in einem schönen Spruch auszudrücken: ich trage mein Herz auf der Zunge, oder auch, anders gesagt, aber mindestens genauso schön, ich wortkotze gern. Und wenn das erst mal losgeht, dann gibt es meistens kein zurück mehr. Ich frage mich oft, wie andere Leute das machen, die die goldenen Regeln der Konversation  scheinbar so perfekt beherrschen. Ich beobachte da Menschen, die über Stunden den professionellsten Smalltalk mit völlig Fremden führen können, während ich nach 3 Minuten bereits von meinem Trauma erzähle, als meine Volksschullehrerin mich beim Nasebohren erwischt hat und mir den Finger samt Anhang vor der ganzen Klasse aus der Nase gerissen hat. Ja, das ist wirklich passiert, tut aber jetzt nichts zur Sache. Jedenfalls habe ich oft das Problem, zu viel von mir preiszugeben. Sobald es für eine Nanosekunde still am Tisch wird, verspüre ich ein starkes Bedürfnis, mein Innerstes zur Belustigung aller Anwesenden nach außen zu kehren. Oft nach solchen Abenden, wo ich eigentlich professionell bleiben wollte, liege ich dann im Bett und frage mich, ob mich die Erläuterung meines Werdegangs und meiner persönlichen Entwicklung während des Frühstadiums der Pubertät, mit speziellem Fokus auf Eintrittsphase 1 und 2 und meiner Karriere als Raucherin mit 13 Jahren, wohl beruflich weiterbringen werden. Probably not.

Oft fühle ich mich danach auch sehr ausgelaugt und schäme mich ein bisschen für meine Schwänke. Denn während alle rundherum lachen und ich ganz stolz auf meine Erzählkünste und die damit verbundenen Glücksgefühle meiner Zuhörer bin, mich immer weiter hinauf in ungeahnte Höhen der Peinlichkeit schwinge und meine Erzähleuphorie jede Barriere der zwischenmenschlichen Gesprächsgrenzen niederreisst, merke ich oft erst im Nachhinein, dass ich eigentlich die einzige am Tisch bin, die sich ständig zum Deppen und den Hofnarr für die lautere Gesellschaft macht. Währenddessen lachen sich die anderen wahrscheinlich insgeheim ins Fäustchen und freuen sich eins ab, dass ich die Aufgabe des Klassenclowns übernehme und ihre eigenen, dunkelsten Geheimnisse im Verborgenen bleiben können. Deswegen bemühe ich mich in letzter Zeit sehr um professionelleres Auftreten, auch in unserem Freundeskreis. Jetzt spreche ich anstatt über den Kauf meines ersten BH’s über wichtigere Dinge, zum Beispiel meinen Steuerausgleich. Wenn da nur nicht dieser kleine Teufel auf meiner Zunge säße, der dann auch gleich meine genauen Quartalszahlungen samt Zinsen, Kontonummer und Mahnungsfristen mitteilen möchte. Im Ernst, ich glaube, dieses Redebedürfnis ist ein Fluch – wahrscheinlich war ich im letzten Leben Teil einer Hexenjagd und mir wurde die Zunge rausgeschnitten, deswegen fühle ich mich genötigt jetzt alles nachholen, was ich die letzten Jahrhunderte an Worten in mir begraben musste. Apropos: habe ich euch eigentlich schon mal von der Geschichte erzählt, als ich in dieser einen Cocktail Bar war, Alkohol um 150 € konsumiert habe und mein Mann danach ein wirklich super lustiges Video von mir gemacht hat? Nein? Also, das war so…

Pullover: Zara || Hose: Mango || Tasche: Mansur Gavriel || Schuhe: Selected Femme || Brille: Céline

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18 Kommentare

  1. Lisa
    6. Februar 2018 / 10:01

    Hahaaa so lustig, ich erkenne mich in diesem Text gerade sowas von selbst wieder!
    Mir geht’s echt genau so. Ich kanns nicht ertragen wenn Schweigen herrscht und pack auch immer wieder gerne peinliche Geschichten zur Belustigung der anderen aus. In dem Moment find ichs auch ganz toll und es scheint alle köstlich zu amüsieren. Aber einige Zeit später denk ich mir dann auch meistens “war das wieder notwendig?!”
    Aber andererseits, ich bin auch lieber mit Menschen zusammen die mich erheitern und auch über sich selbst lachen können als mit solchen die schweigen und nett lächeln oder ständig über absolut belangloses, uninteressantes sprechen und stets darum bemüht sind die Fassade zu wahren.
    Ich weiß also nicht ob das unbedingt ein Fehler ist… ich bin mir sicher deine Freunde lieben dich für deine offene Art und die Menschen die dich nicht so gut kennen findens wahrscheinlich cool… und wenn nicht, so what?
    xo Lisa

  2. Gabriele
    6. Februar 2018 / 10:47

    Ich möchte dir nur sagen: Du bist nicht allein. Im ersten Moment dachte ich, du schreibst über mich 😅. Aber das macht uns nunmal aus. Und es gibt Menschen, die lieben uns dafür, deswegen oder vielleicht trotzdem 😘

    • ketchembunnies
      Autor
      6. Februar 2018 / 10:57

      Haha das sind die Gene Gabi! Kann man sich auch nicht aussuchen! 🙂

  3. Birgit
    6. Februar 2018 / 10:48

    I feel you .. mir gehts da genau so wie dir. Und jedes Mal wieder denk ich mir – warum hast du nicht einfach deine Klappe gehalten?
    Ich glaub auch, dass das ein Fluch ist 😉 Aber du bist nicht allein.

  4. Babsi
    6. Februar 2018 / 11:03

    Einerseits kann ich das sehr gut nachvollziehben weil same here! Andererseits kann ich als treue Followerin sagen, dass ich (soweit ich das betreffend dein Onlineleben beurteilen kann) noch nie das Gefühl hatte, dass es ungut ist weil du zu viel erzählt hast, im Gegenteil! Irgendwie macht dich das zu meiner Lieblingsbloggerin. Bei dir wirkt trotzdem meistens alles ziemlich perfekt und eben auch immer ziemlich herzlich <3 und genau das macht deinen Charme aus.

    Bleib so fabelhaft und überlasse Selbstzweifel lieber den anderen 😉

  5. 6. Februar 2018 / 11:42

    Liebe Kathi,

    ich muss gerade gleichzeitig schmunzeln und grinsen.
    Wie genial du schreibst, ich liebe deinen Schreibstil so sehr!
    Und glaub mir, da bist du nicht alleine. Dieser Text hätte auch von mir kommen können…
    Verstell dich nicht, Leute wie du sind interessant und authentisch!

    Also ich würde super gerne mal mit dir am Tisch sitzen.

    Ganz liebe Grüße,, Lara

  6. Viktoria
    6. Februar 2018 / 13:19

    aaaaaach mir gehts ganz gleich!
    ganz schlimm wird es, wenn ich ein bis zwei weine zum befeuchten meiner zunge hatte!
    aber was solls, man lebt nur einmal hahaha

    Liebe Grüße

  7. Miss Steffi
    6. Februar 2018 / 15:38

    Witzig, das einmal aus einer anderen Perspektive erzählt zu bekommen, denn ich bin weder die, die ohne Mühen 3 Std. lang Small talk führen kann, noch der Klassenclown. Ich bin (vor allem in großen Runden) diejenige, die oft sitzt u zuhört und wie oft hab ich mir früher anhören können “jetzt sag DU doch mal was”. So lieg ich oft nach Parties oder großen Runden im Bett und ärgere mich, dass ich es wiedermal nicht geschafft hab meinen Mund aufzubekommen und die einfachsten interessanten Small talk Gespräch hinzubekommen und denk dann oft mit ein wenig Neid an die Klassenclowns, die es wiedermal mühelos geschafft haben Stimmung zu machen…
    Mittlerweile tröste ich mich damit dass ich mich in kleineren Runden einfach wohler fühle und mich da sehr wohl “aus mir heraus traue” und lustig bin und ich sehr wohl für die Fähigkeit geschätzt werde, zuhören zu können..
    Ich denk mir jedenfalls – mit dir hat man bestimmt eine Murds-Gaudi 😉

  8. 6. Februar 2018 / 17:14

    You will never speak the “talk of shame” alone 😀 ich bin genau genau, genau gleich. Manchmal merke ich schon während des Sprechens, dass ich jetzt doch lieber ruhig sein sollte, aber zu diesem Zeitpunkt stecke ich schon mitten in der Gesichte und ich habe keine Zeit mir eine Möglichkeit zu überlegen, aus dieser Situation raus zu kommen. Und sobald ich mit der Geschichte fertig bin, denke ich mir “WARUM KANNST DU NICHT EINFACH EINMAL DEINE FRESSE HALTEN?!” 😀

  9. Vanessa
    7. Februar 2018 / 9:21

    Oha das hört sich total nach mir an. Vlt ist das ja auch eine Krankheit bei der es irgendwie ein Gegenmittel gibt von dem wir noch nicht wissen?! 😀 auf jeden Fall ein toller Text und gut zu wissen, dass es auch anderen so geht!

  10. Bellaliebhaberin
    7. Februar 2018 / 9:29

    Du schreibst wirklich immer die besten Texte

  11. 7. Februar 2018 / 9:41

    Ah geh Kathi! Die Welt wäre ein wirklich trauriger Ort wenn jeder einen Stock im Arsch hätte und nicht den ein oder anderen Wink aus der peinlichen Vergangenheit erzählt. Vielleicht freuen sich deine Freunde ja gar nicht, dass du als einzige etwaas erzählst und ihnen dies erspart bleibt. Vielleicht beneiden sie dich um dein scharfes Gedächtnis noch all diese Geschichten zu kennen und den Mut darüber zu sprechen. Außerdem finde ich, kann man nicht wirklch ändern wer man ist, man kann nur erst denken und dann reden – aber da habe ich leider keinen Tipp für dich, ich bin nämlich genauso 🙂
    Happy Humpday!

  12. 7. Februar 2018 / 10:19

    Ich erkenne mich so sehr in dem Text hier! Genauso bin ich auch, ich nenne es nur “wordvomit”. Und genau den selben Gefühl habe ich danach, ich schäme mich das ich mich halt wieder mal zum Clown gemacht habe. In meinem Fall weiß ich aber das es passiert vor allem wenn ich extrem nervös bin oder mit neue Leute spreche, vielleicht weil ich es haben möchte das sie mich mögen… Na ja…die scheinen es zumindest “lustig” zu finden.

    LG, Rosie //Curvy Life stories

  13. 7. Februar 2018 / 10:28

    Zu gut!! 🙂

    Das kenne ich HAARGENAU so!

    Du bist so sympathisch, ich liebe deine Texte!

    ani
    ani hearts

  14. Chiara
    7. Februar 2018 / 10:42

    Selten so gelacht bei einem Blogpost! Danke dafür!

  15. Anna
    7. Februar 2018 / 21:20

    Oh wie wahr! ich bin genau so 🙂

  16. Julia
    9. Februar 2018 / 11:24

    Mir gehts genauso. Ich überlege mir mittlerweile manchmal wirklich im Gespräch in größerer Runde ob ich jetzt mal anderen den Vortritt lasse und mich zurück halte. Klappt ab und zu ganz gut. Mir ging es nämlich auch nicht so gut rückblickend nach manchen Abenden wo ich gefühlt stundenlang den ganzen Tisch unterhalten habe. Ich glaube aber dass man sich selbst gegenüber oft sehr kritisch ist. Bei anderen Leuten fällt es mir nämlich nicht wirklich auf dass es nerven würde wenn sie so viel “entertainen”. Oft haben andere Leute komischerweise halt auch nichts spannendes zu erzählen. Smalltalk kann ich eine gewisse Zeit, aber keine 3h 😉

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