Abgestumpft

BrüsselEs ist wohl die Meldung des Tages und das wird sie noch für das restliche Monat bleiben: Brüssel. Keine weitere Erklärung ist an dieser Stelle notwendig, denn nach ein paar Stunden Internet-und-Medien-Überflutung wird jedem die Reichweite dieses Stadtnamens, der sich in die Liste von anderen Stadtnamen mit ähnlichen Schicksalen gereiht hat, mit den daran hängenden Konsequenzen jetzt bewusst sein. Was mich daran so traurig macht, ist das, was ein Facebook Freund so treffend ausgedrückt hat: „Ich steh heut offenbar wieder zwischen den Fronten: Da gibts einerseits die, die brav den Islam bashen, weil der Islam ja das ultimative Böse ist und jeder, der den Islam okay findet, ein Depp ist. Andererseits die, die mit den Statusmeldungen voller Pathos, dem „Je suis Bruxelles“ und dem „Davor flohen die Flüchtlinge“ daherkommen und auf Bomben am liebsten Konfetti kontern würden. Ich steh da eben dazwischen und denk mir: „Gehts mir bitte beide ned am Arsch!“ Offenbar bin ich wohl erstmals so richtig abgestumpft.“

Ich lese es und irgendwie geht mir der Knopf auf – ich fühle dasselbe. Und plötzlich wird mir bewusst – die Angst, die damals, als alles angefangen hat den Bach runterzugehen, in mir noch vorhanden war, ist irgendwie weg. Ist das gut oder ist das schlecht? Wohin ist die Euphorie, die Hoffnung, je suis Charlie, wohin ist das gemeinsame „wir packen das schon“ verschwunden? Ich konsumiere die Schreckensmeldungen, die eine nach der anderen verlautbart werden, genauso wie die News zum neuesten Kardashian PR Stunt und denke mir inzwischen bei beidem das gleiche: „oh nein, nicht schon wieder so etwas“. Wieso? Wo sind meine eigene Menschlichkeit und mein Mitgefühl geblieben, die mich beim Lesen dieser Meldungen bis in die Grundfesten erschüttern sollten, so wie es damals mit Paris war? Es ist nicht so, dass mir das Ausmaß der Katastrophe nicht bewusst ist. Nicht so, dass mir die Menschen egal sind, die Verluste erleiden und denen Schreckliches geschieht. Nicht so, dass mir nicht genau das gleiche an jedem gegebenen Tag passieren könnte. Ich fühle mich eher so wie jemand, der eine Katastrophe einfach akzeptiert, weil alle Präventionsmaßnahmen bereits getroffen sind und nichts davon gegriffen hat. Und wie jemand, der an einer Situation absolut nichts ändern kann. Ich erinnere mich selbst ein bisschen an ein Kind, das seinen Eltern blind vertraut – sie werden das schon richten. Innerlich fühlt man zwar, dass man ganz dicht am Abgrund steht, aber man zählt immer noch auf diejenigen, die für einen verantwortlich sind. In unserem Fall sind das die Politiker, die es in den letzten Jahren scheinbar nicht einen Schritt weiter geschafft haben, etwas an der Situation zu ändern. Wir alle begeben uns in ihre Hände, in ihre Obhut, in dem Vertrauen, dass sie es schon richten werden. Weil das eben Demokratie ist und die Welt in der wir leben. Was ich sehr wohl fühlen kann: in dem sinkenden Vertrauen, dass Mama und Papa Europa uns helfen und schon alles gemeinsam richten werden, liegt auch der Ursprung meiner Abgestumpftheit, der Ursprung der Stagnation und der Apathie. Ich kann nicht sagen, was die Lösung ist und wie sich die Welt  in Zukunft verändern wird – ob doch endlich an einem Strang gezogen oder weiterhin hilf- und planlos zugeschaut wird. Und während eine Schreckensmeldung die andere jagt, scrolle ich von Facebook Eintrag zu Eintrag, stumpfe ob des Grauens immer weiter ab und öffne den nächsten Online Shop.

Die Angst ist gewichen – aber die Euphorie und die Hoffnung ist ihr nachgezogen, wo immer sie jetzt auch ist. 

Nachtrag: Während ich den Beitrag geschrieben habe, habe ich erfahren, dass das Atomkraftwerk in Tihange evakuiert wird. Jetzt ist sie doch ein bisschen zu mir zurückgekommen, die Angst.

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22 Kommentare

  1. 22. März 2016 / 15:38

    Es ist so traurig unter diesen Beitrag zu schreiben, dass es mir genau so geht. Ich war gerade unterwegs und mein Freund hat mir den Link zu dem Nachrichten geschickt. Ich dachte mir nur, oh schon wieder, aber war ja klar, natürlich in Brüssel…jetzt wo sie ihn haben…und habe mir weiter keine Gedanken gemacht. Erst als ich mich bei Facebook angemeldet habe und sah, dass eine Freundin als „save“ markiert wurde, ging mir ein kalter Schauer über den Rücken. Auf einmal war das Gefühl doch näher dran als Gedacht und gar nicht mehr so egal.

    Bussi

  2. 22. März 2016 / 15:54

    Der Facebook Kommentar trifft den Nagel genau auf Kopf. Freilich finde ich Meldungen wie die aus Paris und jetzt auch Brüssel immer noch schrecklich, aber die große Angst die ich damals bei 9/11 hatte, und an die ich mich noch sehr gut erinnern kann, ist einfach nicht mehr zu finden. Wie du sagst, man stumpft einfach ab… ob das jetzt gut oder schlecht ist, sei dahingestellt… Mom. kann man nur auf das beste Hoffen.

  3. Gabriele
    22. März 2016 / 16:41

    Du hast mit deiner Meinung so ziemlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Was mich ganz besonders betroffen macht ist, dass trotz aller Abgestumpftheit die Bestürzung und Betroffenheit und auch das Mitgefühl bei Attentaten in Europa dennoch noch bis zu einem gewissen Grad vorhanden ist. Aber was ist mit den Menschen, die in der Türkei den Attentaten zum Opfer gefallen sind? Auch diese Menschen wollen in Ankara und Istanbul nur ihr Leben leben und genießen. Ohne Angst! Aber mir kommt vor, das interessiert noch weniger Menschen. Aber Gott-sei-Dank gibt es noch Menschen wie dich, die zumindestens versuchen, uns alle wieder ein wenig aufzurütteln. Danke Kathi

  4. Michaela
    22. März 2016 / 16:47

    du (und wenn ich ganz ehrlich bin auch dein Facebook Freund) hast es geschafft, das in Worte zu fassen, was ich fühle aber nicht einordnen, greifbar machen konnte…ich weiß keine Antworten mehr auf die Anspielungen oder Vorwürfe, dass ich auch eine von denen war, die stundenlang in den Quartieren geholfen hat, gespendet hat…ich weiß nicht mehr was ich denken und dazu sagen soll!
    LG Michaela

  5. Mona
    22. März 2016 / 17:32

    Du schreibst so toll und genauso fühle ich auch. Ich wohne in Aachen und die Angst war spätestens mit dem Atomkraftwerk 70 km von hier auch schnell wieder da…

  6. 22. März 2016 / 18:58

    Also ich bin um unsere Zukunft sehr besorgt und habe auch Angst. Kaum vorstellbar, wie sich die Menschen in Brüssel fühlen müssen. Das Ganze macht mich so wütend und traurig zugleich.

    Liebe Grüße,
    Kami

  7. Julia Fodor
    23. März 2016 / 1:12

    1:1 das gleiche Gefühl heute, hab mich gefragt was mit mir los ist aber anscheinend geht es vielen so …

    <3

  8. Verena
    23. März 2016 / 8:11

    Liebe Kathi, danke für diesen Beitrag! Was mich so entsetzt ist diese absolute Hilflosigkeit. Mittlerweile ist die Frage nicht mehr ob ein erneuter Terroranschlag geschieht, sondern nur noch wann und wo. Brüssel war schon vor dem Anschlag so gut gesichert und Polizei/Geheimdienst/Regierung konnten den Anschlag nicht verhindern. Uns wird gezeigt wie angreifbar wir sind und dass es jeden jederzeit treffen kann. Ich glaube dieses „abstumpfen“ ist ein Schutzmechanismus um nicht komplett durchzudrehen. LG Verena

  9. Lena
    23. März 2016 / 9:13

    toller beitrag dem ich „leider“ nur zustimmen kann! danke. lg lena

  10. Katii
    23. März 2016 / 9:16

    Danke Kathi für diese Worte – einfach nur danke!
    Ich hab gestern noch ziemlich lange über genau dieses Thema diskutiert und geredet. Nicht über den Terroranschlag an sich, aber eben genau über dieses Abgestumpf-sein. Ich finds einfach so traurig, dass es mir so geht, dass ich zwar im ersten Moment nur „Oh mein Gott – das darf doch bitte bitte alles nicht wahr sein“ gedacht habe, es in mir aber überhaupt nicht so viel ausgelöst hat wie das Attentat in Paris oder andere Terroranschläge.
    Es ist wirklich traurig!
    Alles Liebe, Katii

  11. 23. März 2016 / 9:40

    Wahnsinnig starker Artikel! Du triffst es auf den Kopf und das Ende ist so wahr. Als Paris war kam nichts anderes mehr durch. Gestern war eben Brüssel, und auf Snapchat waren trotzdem nur Alltagssituationen, auf Instagram vor allem Shopping, auf Facebook irgendwelche belanglosen Buzzfeed-„News“. Ich mache den Leuten keinen Vorwurf, ich bin genauso. Der Terror schockiert noch immer, aber wird zum Hintergrundrauschen, weil man sowieso nichts mehr dagegen machen kann. Oder?
    „Innerlich fühlt man zwar, dass man ganz dicht am Abgrund steht, aber man zählt immer noch auf diejenigen, die für einen verantwortlich sind.“ Ich weiß es nicht.

  12. bine
    23. März 2016 / 9:54

    Liebe Kathi,

    du sagst es!
    Viele trauen sich nicht so zu äußern, aber du hast so recht.
    Was mich jedoch nicht los lässt – warum wir seit 5 Jahren bei diesem Krieg zusehen und jetzt, wo es immer schlimmer wird, wird weiterhin zugesehen. Mir kann keiner erklären, dass wir zur heutigen Zeit, mit der heutigen Technik (das Meiste bleibt eh verschwiegen) keine Mittel und Wege haben um diese Idioten aufzuhalten oder was auch immer.
    Denn meiner Meinung nach, wird das nie aufhören bis die gewonnen haben oder jemand sie auslöscht, was leider zu einem Atomkrieg führen würde und natürlich keiner will!
    Ich glaube immer noch, auch wenn ich mir jetzt keine Freunde mache, dass dieser Zustand (Krieg usw) so gewollt ist von gewissen Politikern und Leuten im Hintergrund die einfach mehr Macht und Geld haben. Geld spielt hier eine große Rolle, hat es ja immer schon. Menschen mit Geld und oder Macht hatten immer schon das sagen, war auch immer so.
    Unsere Politiker sind ja auch nur Marionetten…
    Eines unserer Probleme – wir sind zu viele Menschen, wissen wir. Woanders zu existieren funktioniert bis jetzt nicht und wird vermutlich nicht so schnell passieren. Wir rotten uns selber aus irgendwann mal.
    Krieg und Anschläge, bei welchen dauernd Menschen sterben führt zu einer langsamen Ausrottung bis es weniger Menschen gibt.

    Leider vergessen viele etwas, Geld ist nur Papier. Wenn du stirbst kannst du dir nichts mehr mitnehmen. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“!
    Was hat der IS davon, die Welt zu zerstören, wenn auch diese Leute irgendwann sterben?

    LG

  13. Mara
    23. März 2016 / 10:39

    Ich kann mich noch gut erinnern wie wir vor 2 Jahren nach einem Anschlag eine Schweigeminute machten. Diese Melancholie lag über mir, wo mir diese unheile Welt zum ersten mal bewusst wurde. Als das mit Brüssel passierte war ich auch traurig aber auch ganz ganz hoffnungslos. Und unsicher. Ich bin unsicher ob ich jetzt für die europäischen Opfer mitleiden soll und für die geflüchteten nicht. Ob das nicht gegen meine allgemeine Sichtweise, das jeder gleich ist wäre. Als nach einer Schweigeminute für Brüssel gefragt wurde sagte mein Politik Lehrer bloß: ’schämen solltet ihr euch. Die restlichen verhungernen und ertrinkenen Leute gehen euch auch am po vorbei. Erst wenn ihr da nach einer Minute fragt bekommt ihr eine für Brüssel. Ich möchte nicht in einer solchen Welt aufwachsen. Ich möchte ein gleiches und nicht schwarz weiß und mir wird schlecht vor Angst vor meiner Zukunft

  14. Franzi
    23. März 2016 / 12:14

    Vielleicht kommt das Gefühl daher, dass du dich in Österreich sicher fühlst. Ich glaube es wäre anders, wenn zum Beispiel deine beste Freundin an dem Tag in Brüssel und kein direktes Opfer gewesen wäre.
    Trotzdem kann man das echt nicht mit den neusten PR News gleichsetzen.
    Lg

  15. 23. März 2016 / 12:41

    Toller Post, und diese vielen Kommentare regen wirklich zum Nachdenken an! Danke Kathy, und danke an alle Kommentatorinnen!
    Liebe Grüße
    Ina

  16. 23. März 2016 / 14:04

    Liebe Kathi,

    dein Artikel trifft bei vielen Lesern (mir eingeschlossen) den Nagel auf den Kopf. So furchtbar ich all diese Anschläge finde, und da macht es für mich keinen Unterschied ob diese in der Türkei, Frankreich oder Afrika passieren, bemerke ich wie ich die Informationen schnell von mir wegschiebe. In meinem Fall wohl aus Selbstschutz und aus der von dir genannten Abgestumpftheit. Gleichzeitig rufe ich mir dann aber all die Menschen auf der Welt ins Gedächtnis die leiden, ohne dass man in solch einer großen medialen Form davon erfährt. Seien es all die Kinder/Menschen auf der Welt die tagtäglich nichts zu essen haben, Arbeiter weltweit die wir für unseren Lebensstandard ausbeuten oder Menschengruppen die Gewalt in jeglichen Formen ausgesetzt sind. Bis dahin versucht man sich das Leben, welches tagtäglich Herausforderungen und Druck mit sich bringt, zu genießen. Vielleicht auch deswegen die Abgestumpftheit und eine gewisse „lass ich nicht an mich ran“ Mentalität? Gestern bin ich zB. Nachmittags ins Kino gegangen um mir einen Film anzusehen, den ich schon seit 2 Wochen auf meiner Liste hatte. Als wäre nichts am Morgen passiert habe ich mich 2h lang von einem perfekten Szenario auf der Kinoleinwand berieseln lassen und nicht an das traurige aktuelle Geschehen gedacht. Und nach den 2h beginnt der Kopf wieder zu denken, wenn man auf FB, Instagram oder diversen Nachrichtendiensten die Berichterstattung liest. In 2 Wochen geht es mit 2 Freundinnen nach Paris und ich muss ehrlich gestehen, dass ich fast mehr daran denke wohin wir nicht gehen sollten (als könnte man das Schicksal wenn es eintrifft im Vornherein austricksen), anstatt mich auf die Stadt und seine unbeschwerte Savoir Vivre Mentalität zu freuen.

    Es ist einfach nur traurig und unfassbar was derzeit geschieht und wie machtlos man ist. In diesen Zeiten wünsche ich mich manchmal zurück nach Canada – dort hat man vom aktuellen Geschehen nicht viel mitbekommen und konnte einfach unbeschwert das Land, die Leute und das Leben genießen. Im Endeffekt ist das aber auch nur eine Flucht vor der Realität und der Verantwortung an einen Fleck der Erde, an dem zumindest augenscheinlich wenig Sorgen vorherrschen.

    Liebe Grüße aus Hamburg,

    Annika

  17. 23. März 2016 / 16:19

    Kathi, das hast du wirklich getroffen wie es ist! Leider ist es so aber so traurig es auch scheint, ich kann es nicht leugnen. Hast du wirklich gut geschrieben, ich kann dir bei jedem Wort nur zustimmen!

    Liebe Gruß,
    Amy | missamyable.com

  18. Olivia
    23. März 2016 / 20:49

    Du sprichst mir aus der Seele. Danke für die Worte, Kathi.

  19. 23. März 2016 / 21:09

    Wow, wie kann man ein Gefühl oder eine Meinung die man hat so gut in Worte fassen. Aber du hast es echt auf den Punkt gebracht. Danke!

    Liebe Grüße, http://lifeandcolours.com

  20. 24. März 2016 / 16:35

    Mich lässt so eine Meldung nicht kalt, aber ich frage mich immer wieder warum müssen immer unschuldige Menschen sterben?!
    Wie befinden uns in einem Krieg und wir merken das erst langsam? Aber warum werden die Zivilisten angegriffen? Das ist abdolut der feigste Zugang!
    Glamy.at – travel & lifestyle blog

  21. 24. März 2016 / 19:15

    Ich glaube du drückst in deinem Beitrag, das aus was viele zur Zeit denken. Wir wissen alle nicht wie es weiter geht und wissen auch nicht was wir tun können, ich zumindest nicht. Doch es bringt auch nichts sich die ganze Zeit einzusperren und Angst zu haben. Das ist glaube ich das schlimmste was man machen kann. Aber wie kann man gegen diese grausamen Menschen angehen? Ich glaube diese Frage stellen sich viele. Das Problem ist man erkennt diese Menschen nicht direkt am Äußeren.
    Ich bin sehr gespannt, wie diese „Krise“ bewältigt wird.

    Liebe Grüße

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