Dear Diary…

Dear-Diary-1Letzte Woche bin ich in die Untiefen meines 16-Jährigen Ichs getaucht. Es mag ja einerseits nett sein, ein Tagebuch zu führen – bewahrt Erinnerungen, versetzt einen zurück in „die guten alten Zeiten“ (die meist eigentlich gar nicht so gut waren, eher lau bis mau bis beschissen, weiße Haare mit lila Spitzen inklusive) und lässt einen ein bisschen reminiszieren – über erste Räusche (und deren anschließende Entleerung an diversen Straßenecken), Eltern, Freundschaft, die erste große Liebe. In meinem Fall sind die Tagebücher, 4 prall gefüllte Stück an der Zahl, eher eine Enzyklopädie des Grauens, gespickt mit literarischen Schmankerln und Feinheiten wie Gedichten, aber sie haben sich nicht immer gereimt – denn wer braucht schon gscheite Verse wenn er auch schlechte Dramatik haben kann? Ein Auszug:

„Einst verband uns die große Liebe, 
die erste Stufe der langen Stiege (ja, das steht da wirklich).
Wir liefen durch ein Labyrinth, 
am Ende fanden wir uns.“ 

Ähm, soviel dazu. An mir ist wahrlich ein zweiter Goethe verloren gegangen. Diese Passage aus meiner jungen Dichterkarriere hat übrigens, abgesehen von einer kurzen Fremdschäm-Episode für mich selbst, letzte Woche dazu geführt, dass Vicky nach Luft japsend und vor Lachtränen halb blind fast vom Sessel gekippt wäre, ihr könnt euch also ausmalen, wie es in dem Gedicht weitergeht – und an die Optimisten unter euch, nein, es wird nicht besser. Außerdem war ich offensichtlich schon immer zur Bloggerin veranlagt und habe mir meine Outfits schon Wochen vor großen Ereignissen wie „Mittwoch Abend in der Nachtschicht den XY zurückerobern und das große Comeback (!) nach einer Woche Urlaub hinlegen“ fein säuberlich notiert und für die Ewigkeit in meinem Tagebuch festgehalten. Darin ist unter anderem dieser perfekt abgestimmte, stylishe Partylook zu finden – ich hatte halt immer schon mega viel Stil und Feingefühl für Farbabstimmungen – ich zitiere, wortwörtlich steht da:

– Cord Minirock
– rosa Stick-Bluse
– rosa Sandalen od. weiße (hohe)
– weiße Tasche von Babsi
– türkise Unterwäsche

Klar, die türkise Unterwäsche ist mega wichtig, das ist ganz klar, denn sie verleiht dem ganzen Outfit noch den nötigen Pep, sonst wäre es ja zu brav mit dem Cord Minirock, meint ihr nicht auch? Wie gesagt, ich hatte einfach schon immer sehr viel Stil, vielleicht sollte ich dieses Outfit sogar mal hier am Blog nachstylen. Ja, ich denke, das ist eine sehr gute Idee.

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Auch das Thema Liebe hat mich sehr beschäftigt und über 4 Jahre lang wurden alle Eroberungen und Abweisungen (leider muss ich zugeben, dass die Zahl der Abweisungen die der Eroberungen um ein vielfaches überstiegen hat – ich rate jetzt einfach mal ins Blaue und behaupte, der Cordrock war schuld) genauestens dokumentiert, wobei ich an mir selbst einige Stalker-hafte Eigenschaften entdecken musste, die mich gleichermaßen erheitern wie erschrecken – generell möchte ich gerne mein jüngeres Ich einfach nur anplärren ob es eigentlich komplett deppert geworden ist. So zum Beispiel hat sich eines schönen Nachmittags folgendes zugetragen:

„Liebes Tagebuch! (Ja, ich habe wirklich so geschrieben und mich auch entschuldigt, wenn ich mich länger nicht gemeldet habe.) Gestern war wieder mal die Hölle los! Ich hab mim J. ausgemacht, dass er zu mir kommt, aber er ist nicht gekommen, hat nicht abgehoben und auch nicht zurückgerufen. (kurzer Einwand hier mal aus 2015: was bildet sich der Typ eigentlich ein, schieß ihn sofort in den Wind und melde dich nie wieder bei ihm, soll er doch bleiben wo der Pfeffer wächst!) Also hab ich beschlossen, mit der Anna nach Oberndorf zu fahren (ähm, ja klar, logisch, ne. Nachlaufen hat immer noch was geholfen. *facepalm*). Wie wir dann dort waren, ist niemand daheim (Was für eine Überraschung!), also fahren wir zum B. (Stalker Mode 3000: on). Dort hat die G. dem B. erzählt, dass der J. abgehauen ist, wie er mein Auto gesehen hat; sie hat aber nicht gewusst, dass ich im Vorzimmer stehe und mithören kann. Wutentbrannt sind wir dann zum J. gefahren und ham dort auf ihn gewartet. (KIND, WAS ZUR HÖLLE TUST DU?!)“

You can’t make this shit up. Wie die Geschichte geendet hat, ist irrelevant – ABER – was zur Hölle habe ich getan? Und glaubt mir wenn ich sage, dass dies nur eine von hunderten Eskapaden dieser Art war (allerdings die einzige mit Crazy Level 3000). Aus heutiger Sicht möchte ich einfach nur den J. anrufen und ihm sagen, er soll bitte die Polizei holen denn ganz offensichtlich hat er einen gefährlichen Stalker am Hals und er sollte besser aufpassen, wenn er in der Dunkelheit alleine heimgeht. Könnte ja schließlich ein weißhaariges Mädchen mit lila Strähnen im Cordrock hinter der nächsten Straßenecke auf ihn warten.

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Generell muss ich sagen, dass mein Leben wirklich nur besser geworden ist seit den Tagebüchern (oder vielleicht kann ich mich mit meinem Spatzenhirn einfach an das meiste seither nicht mehr erinnern, denn auch der Inhalt meiner Tagebücher war mir fast zur Gänze fremd). Diese Woche werde ich 27 und zwischen dem Nachmittag, als mein damaliger Freund vor mir geflüchtet ist und heute liegen 10 Jahre, in denen ich sicher nicht weniger Blödsinn fabriziert habe – aber zumindest wurde es nicht in einer Ernsthaftigkeit, die der eines Kriegsberichts nahe kommt, dokumentiert und für die Nachwelt festgehalten. Also liebe Leute, seid vor mir auf der Lauer – ihr könnt schließlich nie wissen, hinter welcher Ecke ich in meinem Cordrock auf euch warte!

Und zum Abschluss noch ein kleines Gedicht (juhu, lassen wir gemeinsam meine Dichterkarriere wieder aufleben!), gewidmet all den 16-Jährigen Mädels die unsterblich in ihren ersten Freund verliebt sind – damit meine Fehler wenigstens noch irgendwem was bringen:

„Behandelt dich dein Kerl wie Mist, 
verlass‘ ihn, er verdient dich nicht!
Und stalkst du ihn auch noch so viel,
das macht’s nicht besser und du wirkst labil“

Wenigstens reimt sich das jetzt. Happy 16!

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23 Kommentare

  1. 20. Juli 2015 / 17:05

    Haha..selten so viel gelacht bei einem Blogpost.
    Ich erschreck mich auch immer, wenn ich meine alten Tagebücher lese^^
    Zu deiner Stalkerkarriere: die hab ich auch hinter mir. Bin mit 17 mit einer Freundin zum Haus meines damaligen Freundes gefahren und hab ungefähr zwei Stunden versteckt gewartet, um ihm eine Szene zu machen, wenn er nach Hause kommt. Hab mir fest vorgenommen gehabt Schluss zu machen, er war ja sooo böse (ich weiß nicht mal mehr was der Grund war), im Endeffekt bin ich dann heulend in seinen Armen gelegen und hab ihm alle Taten verziehen. ^^
    Vielleicht gehört stalken ja zum Teenie-Dasein dazu. 🙂

    LG Jules
    http://www.mabelicious.com

  2. 20. Juli 2015 / 17:15

    wiiiiiie grenzgenial ist das erste gedicht??? 😀 ich musste grad SOOO lachen! bitte mach eine serie draus, ich will sowas von nun an öfter lesen, bitte! echt große klasse 😀
    lg carina
    ps: ich weiß schon was ich heute abend machen werd. hab eine ganze kiste, die voll mit tagebüchern ist

  3. 20. Juli 2015 / 17:23

    Ein herrlicher Blogpost bei dem ich öfters lachen musste. Ach die Liebe in der Jugend 😀 Diese ganzen Dramen deswegen machen wir doch alle irgendwie in einer Art und Weise durch. Danke für diesen wunderbaren Einblick in dein 16 Jähriges Ich.

    Liebe Grüße
    Luise | http://www.just-myself.com

  4. 20. Juli 2015 / 19:08

    Kathi, bitte sag mir, dass es ein Bild von dir mit weißen Haaren und lila Strähnen gibt, das du mit uns teilen möchtest?!? Musste gerade mehrmals heftigst lachen, die Stalker-Story ist der Wahnsinn, hahaha!!!!:)

    Ganz liebe Grüße, Vanessa

  5. MadCat
    20. Juli 2015 / 19:22

    respekt, dass du den Mut hast diese Stilblüten auch zu veröffentlichen 😀 meine Begegnung mit meinem 16 jährigen Ich war nicht weniger erschreckend 🙂

  6. 20. Juli 2015 / 19:30

    Kathi, ich habe Tränen gelacht! Danke, dass du diesen Einblick in deine Jugend mit uns geteilt hast.
    Was Crazy Mode 3000 angeht, kann ich da ganz, ganz sicher mithalten.
    Ich meide es, meine alten Tagebücher und die Briefbücher meiner besten Freundin und mir zu öffnen, als seien sie hochexplosiv. Aus Angst vor dem Grauen, das dort heraus kommen könnte 😉

    Ich werfe zu deinem Cordrock übrigens mal meine Aral-blaue, hautenge Satin-Stretch-Hose in den Ring. Mit Plateauschuhen, versteht sich. No Comment 😀

    Liebe Grüße,
    Denise

  7. Tanja
    20. Juli 2015 / 20:07

    Kathi, das ist wirklich genial 😀 Ich habe mich köstlich amüsiert!
    LG, Tanja

  8. Sophie
    20. Juli 2015 / 20:20

    Großartig!!! Richtig witzig! Ich liebe deinen schreibstil so sehr!

  9. 20. Juli 2015 / 21:21

    Was für ein herrlicher Beitrag, echt toll! Ich hab sooo gelacht! Nie,nie, nie mehr möchte ich Teenie sein. Was für schlimme Jahre mit modischen Schreckmomenten. Gut, mit Zahnspange und Pickeln sieht jedes Outfit irgendwie nicht so toll aus. Wobei, teilweise war es einfach so eine Katastrophe, da war die Zahnspange an sich egal. 🙂 Nur gut, muss ich all das nicht nachlesen und habe meine damaligen Gedanken nicht für die Nachwelt festgehalten. Aber, ich habe eben ein Elefantenhirn und kann mich noch an vieles (für meinen Geschmack zu vieles) bestens erinnern. Ganz einen schönen Abend und einen tollen Geburtstag diese Woche!
    Alles Liebe,
    Corinne

  10. 20. Juli 2015 / 21:51

    Oh, liebe Kathi, ich habe lange nicht mehr so viel gelacht beim Lesen! Der Typ war aber eine Pfeife, dass er einfach vor dir geflüchtet ist.
    Und dann habe ich mich erinnert, dass es da Tagebücher von mir gibt – und ich traue mich gar nicht erst, sie zu lesen.

  11. 20. Juli 2015 / 22:24

    Ich habe mich selten beim Lesen eines Blogs so köstlich amüsiert- dich im Cordrock und weißen Haaren und lila Strähnen hätte ich ja zu gerne mal in natura gesehen;);)

    Liebe Grüße
    Luisa

  12. 21. Juli 2015 / 9:29

    Liebe Kathi!
    Ich liebe deinen Humor ja prinzipiell und werde regelmäßig komisch angeguckt, wenn ich in der UBahn einen Post von dir lesen und laut loslache. Dieses Mal war’s im Büro (ups) und meine Kolleginnen sahen etwas perplex in meine Richtung 😀
    Dein Text – ein Traum! Warum? Erstens, weil erfrischend ehrlich und frei Schnauze und zweitens, weil meine Jugend nicht viel anders verlief und ich mich deshalb so gut damit identifizieren kann. Ähnlich, mit dem Unterschied, dass ich nicht einmal halbwegs konsequent Tagebuch geführt habe, sondern lieber Gedichte (also „Gedichte“) geschrieben habe. Ganz ehrlich, deine sind besser! Wenn ich meine Schreibereien heute durchlesen, stellen sich mir sämtliche Haare auf – und die Zehennägel. Damals waren sie aber Ausdruck des innersten Teenieschmerzes (was sie auch irgendwie legitimiert).
    Jetzt bin ich 33 und möchte NIE MEHR WIEDER 16 sein müssen. Finde mein Leben seit ca 25 nämlich viel besser und vor allem bei weitem nicht so anstrengend, wie es damals war 🙂
    Alles Liebe, ich freue mich schon auf deinen nächsten Post,
    Alice

  13. Franzi
    21. Juli 2015 / 9:45

    Liebe Kathi,

    vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Ich habe Tränen gelacht 🙂

  14. Nina
    21. Juli 2015 / 10:20

    Du bist einfach SPITZE! Es macht jedes Mal so unheimlich viel Spaß, deine Beiträge zu lesen. Du bist mein absoluter Favorit. Man merkt einfach, wie viel Freude du an deiner Seite hast und schreiben kannst du sowieso 🙂

    Vielen Dank für all deine Beiträge! Bitte mach weiter so..

    Liebe Grüße
    Nina

  15. Birgit
    21. Juli 2015 / 12:39

    Ahahaha zu geil, danke, dass du das mit uns teilst. Ich glaub ich muss meine alten Tagebücher auch sofort suchen 😉
    Gedichtet hab ich nie, aber ich hab immer ganz dramatische Filmzitate oder Songtexte mit eingebaut.

  16. Julia
    22. Juli 2015 / 10:53

    Einfach genial!!!!!
    Liebe Kathi vielen Dank für diese Einblicke! Es ist wirklich faszinierend, was man so alles aus der Jugend vergisst… mir geht es häufig so wie dir 🙂 Unfassbar!
    Herzlichst,
    Julia

  17. 31. Juli 2015 / 12:48

    Tatsächlich habe ich mir mal überlegt, ob ich meine ersten Tagebücher nicht einfach vernichten sollte. Auch aus dem Grund, dass Vieles einfach nur peinlich ist. Aber vielleicht braucht man diese Erinnerung zum Nachlesen, auch wenn es nur darum gehen sollte, dereinst nachsichtig mit den Nachkommen zu sein. 😉

  18. 15. Oktober 2015 / 14:34

    Ja, bei mir sind die Tränen vor lauter Lachen auch schon gekullert. Ich finde es toll, wie du deinen Lesern etwas über deine Vergangenheit verrätst und dich kein bisschen dafür schämst! Jeder von uns war mal eine 16-jährige Verrückte, die superstylish (bei mir war es leider eine Cordhose!) und mit allen Mitteln versuchte, den Schwarm zu beeindrucken, stimmt’s? 😉

  19. Hanna
    19. Dezember 2016 / 16:38

    Liebe Kathi 🙂

    Ich lese gerade ältere Beiträge von dir und bin zufällig auf diesen Blogeintrag gestoßen.
    Danke dafür, mir kullern Tränen über meine Wangen und ich lache so herzhaft, wie schon lange nicht mehr 🙂 sehr amüsant & echt grandios! An dieser Stelle muss ich außerdem festhalten, dass ich deine Beiträge & Texte generell liebe – weiter so, du machst das toll.

    Alles Liebe,
    Hanna

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