Und, wie war’s?

Perfect-Enemy-Good-1

Ich liege gerade in Kroatien am Pool. Neben mir liegt meine Familie, wir lesen. Ich ein Buch, Mama eine Zeitschrift, Papa eine Zeitung und mein Bruder schläft. So weit so gut. Papa entdeckt einen Artikel und sagt: „Katharina – ‚Hoteliers drehen Spieß um und erfinden Bewertungsportal um ihre Gäste zu beurteilen'“. „Geil“, sage ich. Er liest mir die Überschrift vor, weil er weiß, wie genervt ich von dem ganzen ‚der Kunde ist König‘-Getue bin. Gott sei dank bin ich kein Hotelier mehr. 

Trotzdem denke ich über die Plattform nach und den Sinn und Grund ihrer Entstehung. In einer Gesellschaft, die nichts anderes tut als sich selbst zu inszenieren und zu bewerten, muss man auf jeden Schritt achten, den man tut – bloß keine Fehler erlauben, man könnte ja bewertet werden – jetzt sogar schon anhand seiner Qualität als Reisender, wo man doch eigentlich zur Abwechslung mal auf gar nichts achten sollte, außer man selbst zu sein und sich zu entspannen. Oder aber auch auf Restaurant-Bewertungsplattformen, wenn man ein Lokal führt. Da spielt es dann keine Rolle, ob der Kellner vielleicht gerade von seiner Frau verlassen wurde und nicht so zuvorkommend ist wie sonst üblich, oder ob der Lieferant vielleicht Mist mit der Sardinenbestellung gebaut hat – Schwarz auf Weiss wird die vermeintlich mangelnde Qualität in Echtzeit publiziert und für die Nachwelt festgehalten. Oder der Onlineverkäufer, der gratis Lieferung und Rückversand anbietet, obwohl das für ihn ein Verlustgschäft ist, um möglichst viele Sterne zu sammeln. Oder die Hoteliers, die ihren Kunden bis zur letzten Darmwinde in den Arsch kriechen, um bloß keine schlechte Rezension zu kassieren. Soviel zum Berufsleben. Dass sich aber die Strategie, Punkte zu sammeln und verteilen auch in unser Privatleben einschleicht, ist frustrierend und anstrengend.

Denn, und hier nehme sich jeder selbst einmal an der Nase, wie oft stellen wir alle uns mindestens einmal täglich eine der folgenden Fragen: Wieviele Likes auf meinem Foto? Wie war ich im Bett? Wieviel verdiene ich? Wie groß ist meine Wohnung? Wie gut ist mein Geschmack? Wieviele Follower, wieviele Kommentare? Eigentlich egal wieviele. Hauptsache mehr als andere, besser als andere, perfekter sein als die anderen. Den schönsten Urlaub machen, die meisten Klicks, das gesündeste Frühstück, die beste Beziehung, den besten Sex.

Und wehe, der Dienstleister versagt – der Blogger schreibt Unsinn – der Verkäufer hält die Lieferzeit nicht ein – die Suppe ist versalzen! Dann wird sofort mit der Bewertungskeule geschwunden, die ständig über uns allen pendelt wie ein Damoklesschwert.

Perfektion wird so zum Feind des gewöhnlich Guten, das Streben nach Glück zur Selbstgeisselung. Da fragt man sich doch, wie man früher überleben konnte, ohne vorher unzählige Rezensionen zu studieren – etwa selbst eine Erfahrung machen, vielleicht sogar ein Fettnäpfchen riskieren und über einen missglückten Urlaub lachen können?

Niemals – dann müsste man ja zugeben, einmal nicht das beste gehabt zu haben, und das ist schließlich unvorstellbar in einer Zeit, wo Glück und glücklich sein die soziale Währung sind, mit der wir handeln, sie anderen unter die Nase reiben und ihnen unser perfektes Leben präsentieren, als wären wir Dagobert Duck auf unserem beschissenen Glückshaufen.

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16 Kommentare

  1. Kathi
    27. August 2014 / 18:31

    Liebe Namensschwester,

    dieser Post trifft genau das, worüber ich mich schon oft aufgeregt habe. Gerade der Punkt „erstmal unzählige Rezensionen studieren bevor man etwas macht“ nervt mich ganz schrecklich.

    Ein Beispiel: Wir haben zu viert einen Städtetrip nach Graz gemacht. Als es abends darum geht ein Restaurant zum Abendessen zu finden, musste von bestimmten (männlichen) Personen erst krampfhaft ein freies Wifi gefunden werden, damit im Internet die am besten bewerteten Restaurants recherchiert werden konnten. Anstatt einfach das Restaurant, das genau vor unserer Nase lag auszuprobieren. Da ich generell schon äußerst unleidlich werde wenn ich Hunger habe, hat diese Angst vor etwas Neuem, das nicht schon von hunderten von FREMDEN (!!) abgenickt wurde, das Fass echt zum überlaufen gebracht.

    Dass wir daraufhin in einem Lokal gelandet sind, in dem wir nicht so wirklich zufrieden waren, wird mir und meiner Ungeduld auch noch 2 Jahre später zur Last gelegt. Wahnsinn… 🙁 Da denke ich mir echt immer wieder, wie bescheuert wir doch langsam geworden sind.

    Und was generell auch alle anderen Lebensbereiche betrifft denke ich mir immer: strive for perfection, settle for good enough. 🙂

    Liebe Grüße aus D! 🙂

    • 26. März 2015 / 17:35

      Das hat mich grade kurz zum Lachen gebracht weil es soo wahr ist. Da wollen alle „bereist“ sein und Erfahrungen machen aber wehe man hat nicht vorher alles abgewägt und abgenickt.. Jaja sehr weltoffen 😀

  2. 27. August 2014 / 23:55

    Großartiger Post, mit großartiger Thematik! Alle vertrauen nur noch auf Bewertungen, egal wo. Dauernd muss man sich das ach so perfekte Leben mancher bei Insta angucken, denn sie sind total happy, haben immer Bock auf Sport und sowieso die hübschesten Freunde *nerv und entfolgt*
    Danke Kathi!

  3. Dani
    28. August 2014 / 7:50

    Wow! Das regt einen wirklich zum nachdenken an!
    Du hast wirklich ein Talent wenns ums Schreiben geht!

  4. 28. August 2014 / 11:58

    Liebe Kathi,
    endlich raffe ich mich auch einmal auf, auf einen deiner Posts zu antworten. Du weißt, dass ich deine Meinung sehr sehr schätze und wieviel Freude du mir (und vielen anderen) mit deinen An- und Einsichten schon gegönnst hast. Auch dieser Post ist wieder großartig und spricht für sich. Ich hoffe sehr, dass bald viel mehr Menschen deine Ansicht teilen und sich das Rad wieder wendet. Ich wünsche euch noch einen tollen Urlaub und vieeeeeeel Sonne. Freu mich unsäglich auf nächste Woche: Luv G

  5. kami
    28. August 2014 / 12:55

    find ich super geschrieben und ich verstehe deinen punkt. ich lese zwar gerne blogs, empfehlungen, usw. aber weil die welt (elektronische) voller ratschläge ist, verzichte ich bewusst in meinem privatleben auf facebook und co.! den es gibt nichts schöneres als freunde & familie zu haben, die dich so cool finden, wie du bist und nicht nur aufgrund der likes auf insta. aber was mich am meisten nerven würde ist dieses gefühl, jeden tag sich übertrumpfen zu müssen.
    toller post!

  6. Caro
    28. August 2014 / 14:49

    Liebe Kathi,
    Du schreibst super! Es ist so erfrischend, dass du nicht selbst wie die meisten – nein, eigentlich alle Blogger – so eine Selbstdarstellerin bist. Bei vielen Blogs und Instagram- Accounts wird wirklich nur das beste dargestellt (schaut wieviel ich reise, wieder ein neues Selfie um „hübsch!“-Kommentare einzuholen und was für teure Dinge ich mir leisten kann… wo man sich echt fragt wie ein normaler Mensch das hinkriegt). Und du schreibst darüber. Auf eine wunderbare, erheiternde Art. Das hebt dich von den anderen Bloggern ab und macht dich großartig- viel großartiger als die, die durch die Darstellung ihres angeblich perfekten Lebens versuchen, genau so großartig von ihren Followern gesehen zu werden. Lob! Weiter so!
    VG,
    Caro

  7. Kerstin
    28. August 2014 / 15:50

    Du solltest ein Buch schreiben liebe Kathi. Top Beitrag – Daumen hoch!

  8. Raphaela
    29. August 2014 / 11:43

    Hut ab! Ich hab mir über all das zwar auch schon meine Gedanken gemacht aber du fasst es wirklich super in einem Text zusammen!
    Ich kann dem Ganzen gar nicht mehr viel hinzufügen, außer dass ich mich selbst auch an der Nase nehmen und versuche, diesem „Bewertungs-Like-Inszenierungs-„Wahnsinn zu entkommen 😉
    Es ist einfach oft PURER Stress – ich hab natürlich auch oft die Bewertungen durchgeschaut auf booking.com und co und selbst im tip top 5 Sterne Hotel gibt es noch zig schlechte Kommentare. Im Endeffekt fährt man gestresst auf Urlaub weil das „omg 5 sterne luxus yay“ Hotel ja doch wo verstecke Fehler haben könnte :-//

    Aber ich wollte dich noch was ganz anderes fragen, wenn ich darf 😉 Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du in der Tourismus/Hotelerie Branche ‚gelandet‘ bist? Hast du nie daran gedacht – mit deinem Schreibtalent(!!!! wow !!!!) – in die Richtung Kommunikationswissenschaften oder Werbung/Marketing zu gehen? Würd mich einfach so interessieren 🙂 Im Endeffekt hast du jetzt mit The Daily Dose und deinem Blog eh das 100% Richtige für dich gefunden 🙂

    Weiter so, ich bin ein echter Fan 😀 (so und jez Fangirling-Modus OFF 😉 )
    LG, Raphaela

  9. 29. August 2014 / 13:08

    Ich liebe deinen Schreibstil! 🙂 und deine Gedanken… ich kann mich zu 100 % hinein versetzen, würde alles so unterschreiben und doch erwische ich mich immer wieder dabei, wie ich selbst den Bewertungsmarathon mitlaufe. Wahrscheinlich kennt das jeder…

  10. 29. August 2014 / 18:02

    Hallo liebe Kathi!

    Woher nimmst du denn immer deine schönen Bilder für deine Beiträge?

  11. Stefanie
    31. August 2014 / 13:45

    Ich bin begeistert und hatte Gänsehaut beim Lesen

  12. Jen
    1. September 2014 / 12:55

    Du triffst-wie so oft-den Nagel auf den Kopf!
    Toll geschrieben und einfach nur wahr. Für mehr unperfektes im Leben & das dazu stehen! Yeah!

  13. Vanny
    1. September 2014 / 22:49

    Super Beitrag! Vielen Dank und größten Respekt vor Deiner Kunst mit Worten umzugehen 🙂

  14. jenny
    12. März 2015 / 7:10

    Auch ich finde den Artikel ganz spritzig, aber verkörpert euer fancyshmancy – neuer fluffy Pullover – Blog nicht genau dieses Glücksstreben in der Komfortzone, die als das schönes Leben verkauft wird? Ich denk drüber nach.

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