15. Dezember 2013 11 Comments Kolumne, Life & Smile, Random

Kindlekram

Ich war, seit ich ein kleines Kind bin, von Büchern umgeben. Meine Eltern sind leidenschaftliche Leser und besitzen über 3000 Bücher, gut aufbewahrt in einer kleinen Bibliothek. Sie haben großen Wert darauf gelegt, mich zu einem „Leser“ zu erziehen, und das ist ihnen wohl gelungen. Literatur ist meine Religion. Ich möchte es eigentlich vermeiden, hier so kitschige Sätze wie „Bücher sind meine Zuflucht in eine andere Welt“ zu benutzen, denn profane Aussagen wie diese können dem Ausmaß dessen nie gerecht werden, was Literatur wirklich bedeutet.
Sie bewegt und verändert, sie bietet Denkanstöße, sie öffnet Türen, sie führt den Geist über seine Grenzen hinaus und erweitert den Horizont. Sie verbindet und zerstört, ist Vergangenheit und Zukunft, ist manchmal krankhaft, aber öfter ist sie heilsam. Ein Mensch der nicht liest, wird nie aus den Vollen seines Geistes schöpfen können. Ein neues Buch zu beginnen, war deshalb für mich immer ein Prozess, der mit dem stundenlangen Gang durch Bücherregale begonnen und mit einem zerknitterten Buch auf dem Sofa geendet hat. Alles daran war für mich Erlebnis, manchmal quälend lang und einschläfernd, manchmal mitreißend und reizvoll – aber stetig hatte ich dabei einen Begleiter, und der war das geduldige Papier. Zusammen sind wir Mördern hinterher gejagt, haben fremde Länder, ja sogar Planeten bereist, haben um verlorene Lieben geweint und uns in junge Helden verliebt. Mit Eselsohren und Teeflecken hat es mich ertragen, bis ich ihm alles abverlangt habe, um es dann endlich zur verdienten Ruhe ins Regal zu stellen, wo viele seiner Schicksalsgenossen schon warteten.
Als dann die ersten elektronischen Bücher, E-Books oder E-Reader, auf der Bildfläche erschienen, konnte ich nur abschätzig und voller Mitleid lächeln für jene, die Literatur zu Technologie und Trend machten, würden sie doch nie den wahren Sinn des Lesens erfassen können – so dachte ich zumindest, versnobt, wie ich jetzt finde. Bis mir endlich, angestossen durch einen Zeitungsartikel, folgendes bewusst wurde – Literatur besteht nicht aus Papier und Buchstaben, sie definiert sich nicht durch ihr Erscheinungsbild, denn es ist gänzlich und ausschließlich der Inhalt der zählt, und die Gedanken aus denen er sich zusammensetzt. Hätten Menschen immer so rückschrittlich gedacht wie ich, würden wir alle noch auf Steintafeln lesen. Wieso sich also dem Fortschritt verschließen, wenn ich nun Bücher innerhalb von Sekunden direkt zu mir nach Hause geliefert bekomme und sofort anfangen kann, zu lesen?
Ich bin also vom Glauben abgefallen. Ein Ketzer – oder ein Bekehrter? Ich habe seit kurzem einen „Kindle“ – zur Zeit beäuge ich ihn noch misstrauisch, wie einen Austauschschüler, der die eigene Sprache nur gebrochen spricht; doch schön langsam werden wir warm miteinander. Ich mag sein schönes Äußeres (na klar, wer mag Marc Jacobs nicht), und dass er mich auch in dunklen Nächten begleitet und mir Licht zum Lesen spendet. Ich freue mich darauf, dass mein Gepäck auf Reisen nicht mehr zur Hälfte aus dicken Wälzern besteht und ich liebe es, dass ich in jeder Position lesen kann, ohne mir eine Sehnenscheidenentzündung im Handgelenk zuzuziehen. Dennoch – manchmal, wenn ich mein kleines Tablet in der Hand halte, werde ich wehmütig, und ich fühle mich, als wäre ich ein Betrüger. In diesen Momenten weiß ich genau – es ist kein Abschied für immer, das Papier und ich – bald werden wir uns wiedersehen.

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